Am Vormittag des 26. April 2002 erschoss der 19-jährige ehemalige Gutenberg-Schüler Robert Steinhäuser am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt elf Lehrer, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler, einen Polizeibeamten sowie sich selbst. Die Tat löste weltweites Entsetzen aus mit einer breiten medialen Berichterstattung.
Unter dem Titel "Breite Diskussion statt Verbote und Zensur" gibt der Arbeitsbereich Fernsehwissenschaft an der HFF im Mai 2002 eine Pressemitteilung heraus: "Die Betroffenheit über den Amoklauf in Erfurt hat viele Menschen zu Recht sprachlos gemacht. Eine Gewalttat diesen Ausmaßes lässt die Normalität der Zivilgesellschaft aus den Fugen geraten. In solch einer Situation ist Besonnenheit gefragt. Weder vorschnelle Verurteilungen und Schuldzuweisungen noch moralisch aufgeregte Debatten führen hier weiter – auch wenn solche Reaktionen als Rationalisierung des Unfassbaren gelten können. Prof. Dr. Lothar Mikos von der HFF zeigt sich besorgt über die in den Medien und der Politik geführte Debatte über Verbote und Zensur von Gewaltdarstellungen in den Medien. Stattdessen fordert er eine breite gesellschaftliche Diskussion, die auf sachlicher Basis geführt werden müsse. Mikos weist darauf hin, dass auch in solch schwierigen Situationen das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beachtet werden muss. Dort sei das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und das Recht der freien Meinungsäußerung festgeschrieben. Verbote von Gewaltdarstellungen in den Medien würden massiv gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht und das Recht der freien Meinungsäußerung verstoßen. „Eine Zensur findet nicht statt“, heißt es in Artikel 5 des Grundgesetzes. Die bestehenden Regelungen des Strafgesetzbuches und der gesetzlichen Bestimmungen zum Jugendmedienschutz reichten vollkommen aus.
Auch wenn die Forderungen nach Verbot von Gewaltdarstellungen in den Medien auf den ersten Blick verständlich erscheinen mögen, zielen sie nach Auffassung von Prof. Dr. Mikos doch an der Realität vorbei und führen nur zu einer Kriminalisierung von Millionen Nutzern von Film, Fernsehen und Computerspielen. In der Medienwissenschaft herrscht mittlerweile Übereinkunft, dass es keine monokausalen Zusammenhänge zwischen Gewaltdarstellungen in den Medien und realen Gewalttaten in der Gesellschaft gibt. Gäbe es sie, wie wäre dann zu erklären, dass trotz der scheinbar vielen Gewaltdarstellungen in den Medien die Kriminalstatistik, die Bundesinnenminister Otty Schily (SPD) Anfang Mai vorstellte, einen immer geringeren Anteil von Mord und Totschlag an der Gewaltkriminalität ausweist (2001 von minus 4,7 %, 2000 minus 2,8 %, 1999 minus 1,6 %, 1998 minus 11,9 %). Kein Film, keine Fernsehsendung und kein Computerspiel allein können einen Menschen gewalttätig machen. Auch die viel zitierte Gewöhnung (Habitualisierung) an Gewaltdarstellungen finde so nicht statt. Studien zu jugendlichen Mediennutzern zeigten, so Mikos, dass dieser Personenkreis vielmehr eine differenzierte Sicht auf Gewalt in den Medien entwickle, weil er in der Lage sei, Unterschiede und Feinheiten zu erkennen. Vor allem müsse zwischen Gewalt in den Medien und Gewalt in der Realität unterschieden werden, denn Erstere stelle immer eine Inszenierung von Gewalt dar, die auf die Beobachtung durch Zuschauer angewiesen sei, während Letztere sehr real am eigenen Körper erfahren werden könne. Zahlreiche Studien, die sich mit der Gewaltwahrnehmung von Kindern und Jugendlichen auseinander setzen, hätten gezeigt, dass fiktionale Gewalt längst nicht so beeindruckend wie realistische Gewalt in Nachrichten sei. „Manche Kinder erleben verbalen Streit zwischen Eltern in Familienserien als Gewalt, wohingegen sie sich bei einer Prügelei zwischen Gangstern in einer Actionserie köstlich amüsieren,“ betont Mikos. Das liege daran, dass die Familiensituation näher an ihrer eigenen Alltagswirklichkeit sei. Die Gewaltdarstellung hänge auch von dem Genre ab, in dem sie gezeigt werde. Gewalt im Krimi sei nicht das Gleiche wie Gewalt im Actionfilm oder im Western. Prof. Dr. Mikos hat in einer Artikelserie für die Zeitschrift „tv diskurs“ auf diese Unterschiede hingewiesen und die Konsequenzen für die Praxis des Jugendschutzes diskutiert. Die Erkenntnisse resultieren aus einem Forschungsprojekt zur „Ästhetik der Gewaltdarstellung in den Medien“ des Arbeitsbereiches Fernsehwissenschaft an der HFF.
„Verbote und Zensur sind ein falsches Signal“, sagt Prof. Dr. Mikos. Für ihn ist klar: „Nötig ist eine breite gesellschaftliche Diskussion nicht nur über Gewaltdarstellungen in den Medien, sondern auch über die Ursachen von Gewalt in der Gesellschaft sowie über Bildung und Lebenschancen von Jugendlichen, um daraus unter Einbeziehung wissenschaftlicher Erkenntnisse Konsequenzen für Politik, Medien, Bildung zu ziehen. Notwendig ist eine Erziehung zur Medienkompetenz, die als präventiver Jugendmedienschutz bereits im Kindergarten beginnen und als lebenslanger Prozess bis ins hohe Alter weiter geführt werden muss. Diese Diskussion darf nicht nur Politikern und Medienvertretern überlassen werden, sondern sie muss Erziehungs- und Sozialwissenschaftler, Medienpädagogen und Medienwissenschaftler, Sozialarbeiter und Lehrer, Eltern und Erzieher, Vertreter der Freiwilligen Selbstkontrolle und der Landesmedienanstalten einbeziehen.“
Auch Jens Becker, Filmuni-Absolvent (Regie 1986-1991) und Prof. für Drehbuch an der HFF, macht den Amoklauf und die Zeit danach zum Thema seines Buches "Kurzschluss". Hier lässt er "viele Betroffene von Erfurt zu Wort kommen: Lehrer, Schüler, Angehörige. Und sie erzählen - nicht selten zum ersten Mal - was sie erlebt haben und wie sie damit umgehen".