1964 wird als "das letzte Jahr der sozialistischen Moderne" beschrieben. War nach dem Mauerbau in der DDR zunächst ein "kulturelles Tauwetter" spürbar - "die SED-Kulturpolitik changierte zwischen dem Zulassen von Freiräumen und einer Verunsicherung über deren Reichweite" - so ändert u.a. der Machtwechsel in der Sowjetunion den Kurs: Der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow wird vom Politbüro entmachtet. Am 16.10.1964 druckt das »Neue Deutschland« die 15-Zeilenmeldung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS ab, dass Chruschtschow "auf eigene Bitte seiner Obliegenheiten entbunden" wurde. Nach seinem erzwungenen Rückritt wird der Drahtzieher des Putsches Leonid Breshnew neuer Parteichef, Chruschtschows Amt als Ministerpräsident geht an Nikolai Kossygin.
Auch an der DHF macht sich diese Entwicklung bemerkbar. Aus einem Bericht des Regie-Studenten Rainer Simon: "Ein Kamerastudent habe 1964 an der Wandzeitung kritische Fragen zur Ausbildung an der Hochschule und zur Kulturpolitik der DDR gestellt. Er forderte weniger Schönfärberei und mehr Demokratie. Das Schreiben verschwand sofort von der Wandzeitung und es wurde ein Tribunal einberufen, bezeichnenderweise in jenem Haus, in dem Stalin während der Potsdamer Konferenz 1945 wohnte. Bevor man über den Kommilitonen zu Gericht saß, wollte Simon den Wandzeitungsbrief lesen. Dies wurde ihm verweigert. „Auch ich wurde verhört. Wilkening, der als Fachrichtungsleiter Kamera fungierte, war zugleich Ankläger und Richter. Der Kamerastudent wurde relegiert, die anderen zum Abschwören regelrecht gezwungen. So viel kalte Gnadenlosigkeit habe ich später nicht mehr erlebt. Es ging dabei regelrecht stalinistisch zu."