Dann war das Problem für ihn ausdiskutiert. Dieser Satz verfolgte mich viele Jahre. Was soll das eigentlich heißen „Wir haben es hier mit Menschen zu tun“? Dass man jedem alles durchgehen lassen kann und trotzdem immer noch ausgeglichen, nett und verständnisvoll ist? Ich habe Dieter nie ein böses Wort zu niemandem sagen hören, er war die gelassenste und freundlichste Person, die ich je kennengelernt habe. Ob man ihm beim Bäcker in Babelsberg getroffen hat oder er Termine bei Ministern oder beim Wissenschaftsrat hatte, er war immer authentisch, Menschen zugewandt und offen. Er hat sich nie beschwert oder selbst in den Vordergrund gestellt, war Mentor, Freund und Weggefährte für so viele Personen über viele Jahre und Jahrzehnte hinweg.
Auch für mich fühlte er sich schon nach kurzer Zeit wie ein 2. Vater an. Dieter und seine Frau Silvia haben mich stets herzlich bei sich aufgenommen, wenn wir mehrere Tage am Stück Konzepte für die Filmuni geschrieben haben. Erst viele Berufsjahre später habe ich realisiert, was für ein gut eingespieltes Team wir waren. Ich war gerne eine seiner Gehirnhälften - wie er es nannte. Auch wenn das bedeutete, dass er zu 23 Uhr noch anrufen musste, um mir zu berichten, wen er auf einem Empfang getroffen hat und wir - also ich – mit dieser Information dann am nächsten Tag verschiedenes zu machen hätte. Auch Mails nach 24 Uhr waren keine Seltenheit, so ist das, wenn eine Gehirnhälfte in einer anderen Person steckt…
An sehr heißen Sommertagen, wenn in seinem Außenfassenden-Büro um die 40 Grad für mich nicht mehr erträglich war, weigerte ich mich sein Zimmer weiter zu betreten. Dieter saß meist immer noch im Anzug, wie auch immer er in solcher Hitze und – wie gesagt meist ohne große Nahrungszufuhr - den Tag überstanden hat, ist mir noch heute schleierhaft. Ich hingegen saß im Büro bei gefühlten 36 Grad, meine Füße im Mülleimer bis oben mit Wasser gefüllt. Er kam fortan zu mir - „Wir haben es ja hier schließlich mit Menschen zu tun“ - und die Bedürfnisse anderer waren ihm immer wichtiger als seine eigenen …
Ich wollte ihn noch so viel fragen:
„Was hast Du leibhaftig 1968 in Prag erlebt?
Wer war in welcher Villa am Griebnitzsee vor dem Umzug beheimatet?
Wie funktionierte die Umwandlung einer DDR-Hochschule in die Nachwendezeit – trotz sehr wahrscheinlichen Verbindungen zur Staatssicherheit von Personen bzw. Strukturen?“
Dieter als Mensch und als Zeitzeuge fehlt. Viele Fragen wurden ihm nicht (mehr) gestellt. Die Zusammenstellung seiner eigenen Memoiren hat er selbst nur bis 1977 geschafft. Auch in seiner Rentenzeit war er rast- und ruhelos, wohl auch, weil er sich mit echtem Forschungstrieb für Menschen und persönliche Schicksale interessiert hat. Die Sorge um befristete Arbeitsverträge, Familienprobleme unterschiedlichster Art, Begleitung aus dem Burnout – all das und mehr konnte man mit ihm in wertschätzender Atmosphäre bereden und fühlte sich verstanden.
Dankbar bin ich für die Zeit, die uns Dieter schenkte, dienstlich wie privat. Erst mit seinem Tod habe ich realisiert, dass vor allem er mich erst zu dem geformt hat, was ich heute bin und wie ich selbst arbeite. Ohne Dieter hätte ich kaum in der Form an die Möglichkeiten des Lebens geglaubt, wenn man sie nur beharrlich sowie gleichzeitig gemäßigt verfolgt, weil man mit seinem besonderen Stil etwas Großes – wie die Umwandlung der HFF in eine Filmuniversität - schaffen kann. Mit ungebrochener Zuversicht – bis in seine letzten Tage hinein – war er ein Optimist, für den „Kopf in den Sand stecken“ keine Option war.
Diese Einstellung wünsche ich allen, die Dieter kannten ein Stückchen auf unseren Wegen mitzunehmen, auch wenn jeder auf seine Weise schreitet, denn „Wir haben es hier mit Menschen zu tun.“