Wir wussten alle, dass unser Dozent ein linientreuer Genosse war, sehr obrigkeitshörig, der sich vor eigenen Entscheidungen drückte, um nichts falsch zu machen. Ich tröstete mich damit, dass sicher vom Rektorat noch keine Entscheidung ergangen war, wie mit meinem Fall umzugehen ist. Denn dass ich mich mit dem Dreh in Weimar über eine Weisung hinweggesetzt hatte, das pfiffen in dieser kleinen Hochschule schon bald alle Spatzen vom Dach. Aber ich dachte, wenn der Film gut ist, wie alle sagen, kann ja nichts schief gehen.Und dann bekam ich endlich einen Termin. Aber nicht in der Vorführung, sondern beim Rektor. Aufgeregt erschien ich im Stalinhaus (Stalin residierte dort 1945 während des „Potsdamer Abkommens“). Wie verlangt, mit meinem kleinen Drehbuch unterm Arm, begrüßte ich den Rektor. „Ich wollte mit Ihnen über ihre erste Übung sprechen, hatte aber noch keine Zeit ihr Drehbuch zu lesen. Wir können es gemeinsam durchgehen.“ Ich hielt mein Drehbuch fest: „Aber der Film ist fertig. Wir können nach unten gehen und ihn gemeinsam anschauen.“ „Das müssen sie schon mir überlassen, in welcher Reihenfolge ich vorgehe.“ Ich machte noch einen zaghaften Versuch: „Aber, Herr Professor, der Film ist schon abgemischt. Da kann man nichts mehr ändern.“ Er streckte die Hand aus und ich reichte ihm das Drehbuch. „Es lässt sich immer etwas verbessern!“ Und dann ging er mit mir jede einzelne Einstellung meines Buches durch und verlangte, dass ich ihm in einer Woche ein verändertes Drehbuch einreiche. Es war wie in Absurdistan.
Nach einer Woche überreichte ich das geänderte Drehbuch. Er blätterte es durch und sagte: „Na sehen sie, es geht doch.“ Wieder schlug ich vor, sich doch einfach mit mir den fertigen Film anzusehen. Wieder lehnte er geradezu empört ab. Dann sprach er davon, dass er auf Grund der Sachlage im Gremium einen Antrag auf Exmatrikulation stellen müsse.
Wie benommen kam ich in meine Studentenbude, wo mich mein Mitbewohner erst mal wiederaufbauen musste. Am nächsten Tag traute ich mich, mit reichlich Restalkohol, in der Mensa eine sehr nette Mitarbeiterin zu fragen, warum sich der Herr Professor nicht einfach den fertigen Film anschaut? Sie nahm ihren Kaffeebecher und ich folgte ihr in den Garten. Weil der von der Vormauer zu Westberlin begrenzt wurde, so dass man nicht sah, dass das Grundstück eigentlich malerisch direkt am Griebnitzsee lag, war es ein recht trostloser Ort wo sich wenig Kommilitonen aufhielten, wir aber von den Grenzposten der DDR in ihren Türmen bestens beschützt wurden. Die nette Frau klärte mich auf, die Weisung die Übung im S- Bahn- Bereich zu drehen sei ergangen, weil die Kamera und die gesamte Technik nur für diesen Bereich versichert waren. Nun ist glücklicherweise in Weimar kein Versicherungsschaden eingetreten, sonst wäre ich schon längst geext. Da die Position unseres Rektors gerade ein bisschen wackelt, muss er Stärke zeigen und kann es deshalb nicht dulden, dass seine Weisung von einem Studenten im 2. Studienjahr einfach missachtet wird. Sein Antrag auf Exmatrikulation hat vor den Dozenten aber nur eine Chance durchzukommen, wenn er mir künstlerische und möglichst auch ideologische Unfähigkeit für den Regieberuf nachweist. Da die Übung jedoch, wie man hört, ganz gut geworden ist, wird er sie sich deshalb auf keinem Fall ansehen.
Und so wartete ich schlimme Monate lang auf meine Exmatrikulation, besuchte die Vorlesungen wie immer, erledigte die Übungen und Vorträge wie immer. Nichts geschah. Und dann, zu Beginn des Sommersemesters stellte man uns unseren neuen Rektor vor, Prof. P.U. Drei Tage später wurde ich zu ihm bestellt. Ich ging, nichts Gutes ahnend, ins Stalinhaus, mein Drehbuch unterm Arm. „Ich habe gehört sie haben eine ganz sehenswerte Übung gedreht.“ Ich zuckte mit den Schultern und reichte ihm das Drehbuch: „Bitte, sie können das Drehbuch in Ruhe durcharbeiten.“ „Was soll ich mit dem Drehbuch, ich denke der Film ist längst fertig.“ „Schon einige Monate, sie könnten sich vielleicht irgendwann einen Vorführtermin bestellen?!“ „Liegt er nicht unten in ihrem Schneideraum?“ „Ja.“ „Gehen wir.“
Er schaute sich den Film an und sagte: „Gut Arbeit. Ich muss bald die Vorschläge der HFF zum Studentenwettbewerb der Leipziger Dok- Film- Woche einreichen, da werde ich ihre „Reflexionen“ gleich mit auf die Liste setzen.“
In Leipzig holte der Film einen Preis, von meiner Exmatrikulation wurde nie wieder gesprochen, aber eine Überraschung erlebte ich noch. Als ich mein erstes Stipendium im neuen Semester überwiesen bekam fehlten 80 Mark. Mein Leistungsstipendium war weg. Die Dame im Sekretariat teilte mir mit, die Streichung habe noch der Herr Professor K. veranlasst, aber wegen der langen bürokratischen Wege ist sie jetzt erst wirksam geworden. Wo sollte ich 80 Mark einsparen? Am Trinken wollte ich nicht sparen, immerhin hatte mir so manches Bier über die lange Wartezeit auf meine Exmatrikulation hinweggeholfen und so hörte ich mit dem Rauchen auf und habe bis heute nie wieder damit angefangen.