Dass ich nicht mehr staatenlos war, war eine riesige Erleichterung für mich und eröffnete mir eine Vielzahl an neuen Möglichkeiten. 1992 erhielt ich eine Einladung zum ersten palästinensischen Filmfestival in Jerusalem, sie wollten meine beiden Filme, AIDA und VOM OLIVENBAUM zeigen. Ich war völlig irritiert, eine Einladung nach Israel, das war doch gar nicht möglich. Das war noch vor dem Oslo-Abkommen, da war die ganze Situation noch etwas komplizierter. Ich konnte wochenlang nicht einschlafen, ich dachte, wenn ich das mache, werde ich sofort verhaftet, direkt am Flughafen. Nach einer Weile entschied ich mich jedoch, dass ich es wagen werde. Ich hatte diesen Traum, einmal in meinem Leben in Palästina zu sein und deswegen war alles andere egal. Selbst wenn ich nur vom Flieger bis zur Passkontrolle kommen sollte, diese 100 Meter würde ich auf dem Boden von Palästina laufen, auf dem Boden meiner Heimat sozusagen, der Heimat meiner Eltern, das würde reichen, der Rest spielte keine Rolle.
Ich bin also nach Israel gereist und kam ohne Probleme durch die Passkontrolle, was mich sehr verwunderte. Kurz nach der Kontrolle wurde ich allerdings von einem Beamten rausgezogen und über drei Stunden verhört. Es gelang mir, das Verhör durchzuhalten und am Ende durfte ich einreisen. Als die Aufregung und die Angst weniger wurde, kamen die ganzen anderen Emotionen. Ich kann es bis heute nicht beschreiben, wie es war, mit 39 Jahren zum ersten Mal in der eigenen Heimat zu sein. Ich war insgesamt vierzehn Tage dort und alles hat sich angefühlt wie in einem Traum, nicht eine Sekunde davon war Realität. Doch zum ersten Mal in meinem Leben war ich nicht fremd. Überall in Jerusalem, ob im Hotel, auf dem Bazaar, im Kino oder auf der Strasse, die Menschen unterhielten sich in meiner Sprache und sie lebten meine Kultur. In Syrien war ich der Fremde, im Libanon war ich der Fremde und in Deutschland bin ich es sowieso. Egal wo, ich war immer fremd, außer auf diesem kleinen Flecken Erde, da war ich zuhause. Zum erstem Mal in meinem Leben, mit 39 Jahren, zuhause.
Am zweiten Abend war die Festivaleröffnung. Es waren richtig viele Leute da und die Stimmung war toll. Ich war durchgehend angespannt und wurde auch die Angst nie ganz los, trotzdem genoss ich es da im Saal zu sein. Der Moderator betrat die Bühne und stellte in seiner Rede das Festival vor, er erzählte welche Regisseure und Gäste anwesend waren und begrüßte sie feierlich. Im Vorfeld hatte ich ihn darum gebeten, den Ball flach zu halten und mich nur kurz zu erwähnen, aber nichts weiter über mich zu erzählen, da ich in Israel nicht zu viel Aufmerksamkeit auf mich ziehen wollte. In seiner Begeisterung über das erste Festival für palästinensische Filme in Jerusalem konnte sich der Moderator aber nicht zurückhalten und kündigte mich ganz groß an. Er sagte, es sei ihm eine große Ehre, mich begrüßen zu dürfen, erzählte, dass meine Familie aus Safad stammt und dass ich zum ersten Mal in Palästina sei. Darauf hin war im Saal so richtig was los, es gab über zehn Minuten Applaus und ich sollte aufstehen und so weiter.
In den folgenden Jahren kehrte ich immer wieder zurück. Ich drehte unter anderem mit Petra Tschörtner, Harald Kehler Quist und Peter Adler vor Ort. Mit Adler drehte ich zum Beispiel mehrere Reportagen für das ZDF Format „37 Grad“ in Israel/Palästina. Es war jedes Mal eine herausfordernde Arbeit für mich und ich hatte immer zwei Seelen in der Brust. Ich wollte natürlich zeigen, welche problematischen politischen Dinge dort geschehen, so wie ich sie wahrnehme und was ich dazu denke, aber ich war ja als Kameramann, nicht als Regisseur oder Redakteur dort. Ich musste also eine gewisse Professionalität wahren, aber gleichzeitig wusste ich, dass meine Bilder trotzdem etwas bewirken können. Man kann ja eine Sache auf die eine oder auf die andere Art drehen und das ist immer eine Entscheidung. Der Kamerastandpunkt, davon bin ich überzeugt, ist auch der politische Standpunkt. Insofern, konnte ich mit diesem Kompromiss leben, für deutsche Medien in meiner Heimat zu arbeiten, auch weil ich als Palästinenser, der Arabisch spricht, viel mehr Verantwortung hatte als nur die Kamera zu bedienen. Ich hatte einen großen Einfluss auf den Inhalt. Aber natürlich musste ich auch viel Aufklärungsarbeit für die Redakteur:innen leisten, die teilweise eine voreingenommene Meinung zu den Themen hatten.
Auch wenn es nicht so war, wie ich es mir in jüngeren Jahren vorgestellt hatte, ist meine Arbeit immer politisch geblieben und es ist mir gelungen, mir treu zu bleiben, im Versuch, mit meiner Arbeit etwas zu bewirken.
Ich lebe bis heute in Deutschland und habe über 20 Jahre beim ARD Hauptstadtstudio gearbeitet, wo ich auch jetzt in meinem Ruhestand hin und wieder noch einspringe. Die beiden Filme AIDA und VOM OLIVENBAUM begleiten mich bis heute, erst kürzlich war ich damit zu einem Screening in New York eingeladen.
Der Text wurde aufgezeichnet und editiert von Robin Angst