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  3. Michael Krull (Regie 1970 - 1974)

Am 5. Januar 1995 schrieb Absolvent Michael Krull folgenden Brief an HFF-Rektor Wolf-Dieter Panse:

 

Lieber Herr Panse!

Ich schicke Ihnen, bzw. meiner ehemaligen Hochschule 2 Fotos, die heute glücklicherweise Vergangenheit sind, aber als Bilddkoumente in die Geschichtsschreibung unserer hoch verehrten Lehranstalt hineingehören.
Diese Bilder hat bis heute niemand gesehen. Sie zeigen einen Teil der “Staatsgrenze West der DDR” im Hochschulbereich.

Ich gehörte zu den letzten Studenten, die etwa bis 1970 direkt im Grenzgebiet wohnen durften; und zwar im sogenannten “Regie-Haus”, der wunderbaren Villa zwischen Hauptgebäude und dem Stalin-Haus. Vom rückwärtigen Balkon dieses Gebäudes habe ich diese Fotos gemacht.
Da das Fotografieren von Grenzanlagen bekanntlich streng verboten war, habe ich an einem Wochenende, als ich ganz allein im Haus war, unter geradezu “konspirativen” Bedingungen geknipst, den Film gleich anschließend im hochschuleigenen Labor selbst entwickelt.

Für Heutige, die sich den damaligen Zustand “dank der Gnade des späten Studiums” nicht vorstellen können, eine kurze Erklärung: Vor dem im Vordergrund sichtbaren Drahtzaun gabe es noch einen weiteren Zaun, und nur bis zu diesem durften wir gehen. Der im Bild sichtbare 2. Zaun - also der eigentlich 3. - war meines Erachtens der sogenannte Signalzaun, der bei Berührung elektronisch Alarm auslöste. Dann heulte eine Sirene, häufig nachts, weil ein Kaninchen dagegen gesprungen war.

Hinter diesem Zaun, deutlich sichtbar, der Postenweg. Hier liefen in regelmäßig/unregelmäßigen Abständen Doppelposten mit Maschinenpistolen. Nachts konnte es passieren, daß sie plötzlich im Zimmer vor dem Bett standen: Kontrolle der Grenzausweise.

Auf dem Postenweg schließt sich der 10m breite, ständig durch Traktoren geeggte Kontrollstreifen an. Jetzt erst komm der sogenannte Sperrzaun I, ca 5m hoch, bestehend aus Metallelementen und Betonpfählen.

Die eigentliche Staatsgrenze war erst in der Mitte des Griebnitzsees, Grenzboote fuhren auf “unserer” Seite ständig auf und ab. Am gegenüberliegenden Ufer hingegen fröhliches Treiben. Sport- und Campingboote, die auch nachts dort ankerten. Dann hörten wir ihre Musik, ihr Lachen.

Lieber Herr Panse, vielleicht haben ja auch noch andere heimlich fotografiert. Wenn nicht, dann hätten diese Bilder einen gewissen Seltenheitswert. Und für diesen Fall, so mein Vorschlag, sollte man sie vielleicht dort aufhängen, wo jeder beim Betreten des Hauptgebäudes seinen Grenzausweis vorzeigen mußte. Bei Bedarf würdie ich auch die Negative zur Verfügung stelle.

Und sollte dann jemand fragen, wie habt ihr dort leben können, direkt am “Todesstreifen”, mittendrin in diesem schrecklichen Grenzgebiet? Ich müßte dann wahrheitsgemäß sagen, es war trotz allem eine schöne Zeit.

Mit freundlichen Grüßen

Michael Krull

 

Ob die Bilder jemals am gedachten Ort hingen, lässt sich bos dato nicht ermitteln, aber sie haben in einem der vielen Ordner überdauert, die nach dem Umzug in den Neubau im Keller eingelagert wurden. Nun finden sie ihre Sichtbarkeit im “digitalen Hauptgebäude” der Hochschulgeschichte (Anm. d. Redaktion)

Michal Krull studierte von 1970 bis 1974 Regie an der HFF “Konrad Wolf”. Kurz bevor er obigen Brief schrieb, wurde sein Dokumentarfilm DER SCHÖNE LEICHTE TOD: Jahrzehnte nach dem Ende der Nazi-Herrschaft werden bei Bauarbeiten im mecklenburgischen Carlsdorf  Reste eines Poesiealbums aufgefunden, das der 1937 konfirmierten Landarbeitertochter Irmgard Kaiser gehörte. Der Film folgt dem Leidensweg des jungen Mädchens, das 1943 - mutmaßlich euthanasiert - in der Heil- und Pflegeanstalt Schwerin-Sachsenberg verstarb.  1995 wurde er für den Dokumentarfilm über den Besuch von Helmut Schmidt im Jahr 1981 in der DDR DREI STUNDEN GÜSTROW mit dem Adolf Grimme Preis ausgezeichnet.

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