Nach dem Studium arbeitete ich am Staatstheater Cottbus als Bühnentechniker bis zur Wende. Dann wurde ich vom Gesundheitsamt in Cottbus gefragt, ob ich eine Videoabteilung für sie aufbauen wolle. Obwohl es mir am Theater richtig gut gefiel, sagte ich ohne zu zögern zu. Endlich wieder beim Film. Es war der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel, denn das Theater veränderte sich mit der Wende stark, die meisten Schauspieler gingen in den Westen und das gewohnte Arbeitsumfeld löste sich mehr und mehr auf. In meiner neuen Stelle drehte ich Aufklärungsfilme für das Gesundheitsamt, das war neben dem sicheren Gehalt auch eine sinnvolle Tätigkeit. Nach zwei oder drei Jahren wurde ich vom Gesundheitsamt weiterempfohlen an den Chefredakteur der Lausitzer Rundschau. Die Stadt Cottbus wollte einen lokalen Fernsehsender aufbauen und sie wollten, dass ich mit dabei bin. Da ich mehr verdienen sollte als beim Gesundheitsamt, sagte ich zu und begann bei Lausitz TV zu arbeiten. Den Sender gibt es bis heute. Am Anfang waren wir nur zu dritt, ich machte Kamera, es gab einen Redakteur und den Chefredakteur und ich war fast täglich unterwegs um zu drehen, manchmal mit, manchmal ohne Assistent. Es lief richtig gut und wir hatten viel zu tun, doch dann kam ein neuer Sponsor und der Sender sollte umstrukturiert werden. Wir wurden alle ausgetauscht, obwohl wir ihn aufgebaut hatten.
In dieser Zeit gab es auch privat Veränderungen und ich entschloss mich nach Berlin zu ziehen und versuchte als selbstständiger Kameramann zu arbeiten. Nach einiger Zeit kam jemand auf mich zu und meinte, dass die Deutsche Welle eine arabische Abteilung aufbauen wolle. Nach meinen letzten Erfahrungen hatte ich die Schnauze voll von Gründen oder Aufbauen, aber ich ging trotzdem hin. Es blieb mir nicht viel anderes übrig, eigentlich wollte ich wieder Filme drehen aber ich musste mich ja auch über Wasser halten. Bei der Deutschen Welle blieb ich dann 24 Jahre und arbeitete als eine Art Producer und Übersetzer bis zu meiner Rente letztes Jahr.
In Deutschland ist es nicht einfach für Menschen wie mich, wir haben nicht die gleichen Möglichkeiten wie andere. Wer Mohamed heisst, kriegt in diesem Land keine grossen Chancen. Man kann sich hier wohlfühlen aber man wird sich nie wie einer von hier fühlen, man bleibt immer der, der von außen kommt. Und für uns Palästinenser ist das noch einmal ein anderes Thema, für uns gibt es diesen Ort nirgends auf der Welt. Ich wollte Filme machen aber diese Chance blieb mir in Deutschland verwehrt. Die einzigen Filme die ich gedreht habe, entstanden im Libanon und in Syrien. Bei der Deutschen Welle hatte ich die gesamten 24 Jahre keine Kamera mehr in der Hand, sie gaben mir diese Möglichkeit nie, obwohl ich darauf ausgebildet war. Dieser Schmerz wurde durch die Möglichkeit zu arbeiten und zu überleben etwas gemildert, aber es fühlt sich trotzdem nicht gut an. Es wird zwar nicht explizit gesagt, aber man kann es zwischen den Zeilen lesen: Hier in Deutschland gilt das Prinzip „Friss oder stirb!“.
Wenn ich auf meinen Werdegang zurückblicke, hätte ich mir mehr Freiheit gewünscht. Wer als Schriftsteller, Dichter oder auch Filmemacher etwas schaffen will, braucht Freiheit. Die Freiheit nicht alles von Beginn an zu wissen, die Freiheit um ein bisschen hier und da zu quatschen, um auch mal Sinnloses zu tun. Denn oft entsteht aus der Sinnlosigkeit erst ein Sinn.
Der einzige Ort, an dem ich das Gefühl hatte, dass diese Freiheit ernst genommen wurde, war am Theater in Cottbus. Dort waren alle Künstler und Künstlerinnen, sie hatten eine andere Einstellung zum Leben und waren begeistert von ihrer Sache. Das war auch der Ort, an dem ich am ehesten das Gefühl hatte, dass es kein Problem war, dass ein Mohamed unter ihnen war. Im Gegenteil, sie gaben mir das Gefühl, dass ich eine Bereicherung für die Gruppe bin. Das habe ich später nie mehr so erlebt.
Eine Sache die mich bis heute beschäftigt, ist die Erinnerung an die Zeit im Libanon. Wir haben viele Filme gedreht, die heute nicht mehr auffindbar sind. Auf den Film, mit dem wir in Baghdad ausgezeichnet wurden, bin ich bis heute stolz, aber er scheint nicht mehr zu existieren. Und mein Gedächtnis wird mit den Jahren auch nicht mehr besser. Ich weiß, von den Open-Air Screenings gibt es ebenfalls Fotos. Einige Bilder habe ich ganz klar vor Augen, aber auch sie sind verschollen. Es ist unglaublich schmerzhaft, wir haben alle diese schönen Dinge gemacht aber wir haben heute keinen Zugriff mehr darauf, wir können sie niemandem zeigen. Ich bin davon überzeugt, dass sie irgendwo noch existieren, aber wir brauchen Leute die sie suchen. Das ist ein Teil der Geschichte, die Welt muss das sehen.
Offiziell bin ich jetzt im Ruhestand, aber ich fühle mich noch jung und motiviert. Auch wenn ich meine Zeit an der HFF lange als Zeitverschwendung betrachtete, habe ich dort immerhin gelernt, auch unter schwierigen Bedingungen an meiner Haltung festzuhalten und mich nicht unterkriegen zu lassen. Jetzt habe ich Zeit und durch die Digitalisierung ist das Filmemachen viel günstiger geworden. Vielleicht gelingt es mir ja jetzt noch, mir die Freiheit zu nehmen und Projekte so zu machen, wie ich es will.
Der Text wurde aufgezeichnet und editiert von Robin Angst