Die Gelegenheit, mich loszuwerden, bot sich, als man zu dem Schluss kam, dass die DEFA von den 13 künftigen Dramaturgen des ersten Jahrgangs nur sieben gebrauchen konnte, also sechs rausgeprüft werden sollten. An das Fernsehen dachte da noch niemand.
Weil der Rektor, Prof. Dr. Kurt Maetzig, diese Prüfung höchstselbst übernahm, klappte es auch bei mir. Nur erhob ich als Einziger Einspruch. Zu meinem Glücke wurde im Herbst 1956 Hans Rodenberg, bislang DEFA-Spielfilmdirektor, Dekan der Fachrichtung Dramaturgie. Er ließ mich zu sich kommen und fragte als erstes amüsiert nach der Adresse des Rechtsanwaltes, der mir den Text aufgesetzt habe. Ich antwortete verbiestert, dass alles von mir stamme. Daraufhin er: „Gut, ich weiß natürlich, wer Kurt Maetzig ist. Doch ich weiß nicht, wer Sie sind. Aber ich habe eine Leidenschaft: Ich sammle Menschen. Ich gebe Ihnen also die Chance, dass Sie noch ein Semester bleiben, denn ich möchte Sie kennenlernen. Dann gibt’s eine neue Prüfung. Es könnte ein verlorenes Semester für Sie sein.“ Ich willigte ein. In den folgenden Monaten nahm er mich gründlich in die Mangel, und ich bekam das Gefühl, er wolle mir helfen. Nach einem halben Jahr fragte ich zaghaft nach der ausstehenden Prüfung, aber er meinte nur: „Ich habe Dich doch genug geprüft, Du kannst bleiben.“
Seinerzeit hatte es nun schon den XX. Parteitag der KPdSU gegeben, auf dem Chruschtschow mit Stalin, seinen Dogmen und Verbrechen abrechnete. Mit Filmen wie DIE KRANICHE ZIEHEN (1957) kam auch frischer Wind an die Filmhochschule.
Aus China drang der Ruf »Lasst 100 Blumen blühen!« herüber, aus dem in der DDR gleich »alle Blumen« wurden, und Tauwetter, wie es damals hieß, ermöglichte, mit dem sozialistischen Realismus kreativer umzugehen.
Nachdem ich 1955 im Filmspiegel einen ersten Artikel über die Filmhochschule unterbringen konnte, begann ich 1956 für das forum zu schreiben, die überregionale Zeitung »für Studenten und die junge Intelligenz«, in der man nicht viel Mut brauchte, um eine Lippe zu riskieren. Ich schrieb über neue Filme, meist die von der DEFA, glossierte auch mal ihre zehn (Aber-)Glaubenssätze, die für Mittelmaß sorgten. Überschrieb auch ein Interview mit Joris Ivens, dem großen holländischen Pionier des Dokumentarfilms, in dem der sich dazu äußerte, was zu drehen der DEFA nottäte, mit dem Titel »Wir können unzufrieden sein«.
Später schrieb ich auch für die Berliner Zeitung, den Sonntag, die Weltbühne, oder die Fachzeitung Film und Fernsehen, jedoch als ich selber Filme machte, mehr und mehr nur noch über mein Metier, wenn auch nicht nur über Golzow. Wenn es nicht anders gekommen wäre hätte ich wohl bei der Presse bleiben wollen.
In der Zeit meines Studiums fuhr die S-Bahn noch durch Westberlin, und so waren auch bestimmte Kinos dort meine Universitäten. Das duldete die Filmhochschule noch eine Zeit lang als Bildungsmöglichkeit für künftige Filmemacher, weil man wusste, dass wir in Hinblick auf Neues aus aller Welt unterversorgt waren.
Die S-Bahn, die mich quer durch beide Teile der Stadt nach Friedrichshagen brachte, wo ich lieber daheim schlief als im Babelsberger Internat, hielt ja auch noch im Westen. Und in den ersten oder letzten Abteilen trafen sich diejenigen, die bei Verlassen des Zuges schnell die Treppe erreichen und nicht am Zug entlang schaulaufen wollten.