1994 erschien Petra Tschörtners abendfüllender Dokumentarfilm MARMOR, STEIN UND EISEN, in dem sie einige der Kommiliton*innen aus ihrer Studiengruppe an der HFF aufsucht, unter ihnen zwei palästinensische Regiestudenten. Mit Mahmoud Khalil fliegt sie nach Israel zu Malik El-Hag, der von der Kommunistischen Partei Israels delegiert gewesen war, El-Hag spricht von der Kommunistischen Partei. Sieben Jahre war er in der DDR, sein Abschlussfilm EINE MUTTER NADIA BUNKE (1982), über die Mutter von Che Guevaras Gefährtin Tamara Bunke, wurde in einer zensierten Fassung vom Fernsehen der DDR ausgestrahlt. Vor allem dass sich Nadia Bunke gegen Kriegsspielzeug aussprach missfiel den Zensor*innen. Ein Schnitt, der die Dramaturgie des Films zerstörte. El-Hag hatte sich beharrlich gegen die Zensur gewehrt – erfolglos (SAPMO-BArch DR1/20638). Wie alle Ausländer*innen musste er das Land nach Studienende verlassen. Die Rückkehr nach sieben Jahren DDR sei ihm schwergefallen. Einen Schock nennt er sie, richtig eingewöhnt habe er sich als Palästinenser in Israel nicht wieder. Er hat sich zurückgezogen, die Partei verlassen – auch wenn er Marxist geblieben ist, hat deutsche Filmliteratur ins Arabische übersetzt, aber keinen Verlag gefunden. Eine Zeit lang war er Hochzeitsvideograf, hat Paare am Meer gefilmt. Dann ging er auf den Bau, seine Kontakte brach er ab. In Tschörtners Film verneint Mahmoud Khalil die Frage, ob Regie zu studieren schon immer sein Wunsch gewesen sei. Khalil war Geografie-Student im dritten Studienjahr, als 1975 der libanesische Bürgerkrieg begann, in dem die PLO eine der Kriegsparteien war. Er engagierte sich im Zivilschutz, half Verletzten und Verwundeten. Es habe eine Zeit gegeben, sagt Mahmoud Khalil, wo er psychisch und menschlich nicht mehr durchhalten konnte. Da habe er die PLO um einen Studienplatz im Ausland ersucht. Beim Film waren Kontingente frei, das konnte er sich vorstellen, ein zwei Jahre rauskommen, danach vielleicht journalistisch arbeiten. In seinem Diplomfilm HEIDIA MOURAD – I AM NOT A DREAMER (1982, Drehbuch: Rolf Liebmann) portraitiert er die titelgebenden Heidia, eine Palästinenserin aus Beirut, die bei einem israelischen Luftangriff ihre Beine verlor, in der DDR zunächst medizinisch versorgt wird und dann eine Umschulung erhält, da sie ihrem Beruf als Friseurin nicht mehr nachgehen kann. Auch Khalil war die Rückkehr nach Beirut verwehrt. In der DDR habe er bis zur Wende noch Filme gemacht. In den 1990er Jahren war er in der Flüchtlingsarbeit aktiv und hat Kais al-Zubaidi gelegentlich beim Aufbau eines palästinensischen Filmarchivs unterstützt.
Kais al-Zubaidi ist wie Ahmed Romhi Anfang der 1960er Jahre an die 1954 gegründete Deutsche Hochschule für Filmkunst gekommen, delegiert von der Kommunistischen Partei des Irak. Während seiner Studien in den Fächern Kamera und Montage kam es 1966 im Irak zu einem Staatsstreich und in dessen Zuge zur Verfolgung von Kommunist*innen. Seine Diplome in der Tasche, verließ al-Zubaidi die DDR Richtung Syrien, wo er zu den Pionieren des Fernsehens sowie der Nationalen Filmorganisation gehörte, die beide nach DDR Vorbild aufgebaut waren und im engen Austausch mit ihren ostdeutschen Partnerinstitutionen standen. Mit dem damaligen Intendanten des Syrischen Fernsehens, dem Palästinenser Abdullah Hourani, wechselte al-Zubaidi Anfang der 1970er Jahre zur Kulturabteilung der PLO, deren Filmbeauftragter er für knapp 20 Jahre werden sollte. 1984 kam auch al-Zubaidi pro forma als Regie-Student der PLO an die HFF zurück, seine Karteikarte ist unter „Jemen (PLO)“ einsortiert, das war der Pass, der für ihn besorgt werden konnte. Durch seine Ämter in Syrien und bei der PLO sowie seine formale Anbindung an die HFF fungierte er dann und wann als Verbindungsmann zwischen der Hochschule und arabischen Film- und Fernsehorganisationen. Für das in Damaskus ansässige Trainingszentrum der Rundfunkunion der Arabischen Staaten ASBU beispielsweise organisierte er von 1985 bis 1992 in Kooperation mit der HFF Fortbildungen in Drehbuch und Regie für Teilnehmende aus verschiedenen arabischen Staaten. Dozent dieser mehrtägigen Schulungen war der ehemalige Rektor der Hochschule, Professor Konrad Schwalbe (Privatarchiv Kais al-Zubaidi). Seinen Lebensmittelpunkt behielt al-Zubaidi in Berlin. In der arabischen Welt gilt er als Pionier des arabischen Dokumentarfilms, er hat zahlreiche filmtheoretische Bücher verfasst, Brecht übersetzt und als Filmkritiker gearbeitet. Seit Mitte der 2000er Jahre begann er seinen reichen Erfahrungsschatz an die neue Generation arabischer Filmschaffender zu übermitteln. Bis ins hohe Alter gab er etwa Workshops in Filmkritik in den neuen unabhängigen Kinogruppen in Kairo oder unterstützte junge Wissenschaftler*innen bei der Historiographie des unabhängigen arabischen Kinos und der Kino-Klubs der 1970er Jahre.
So gering die Quellen zu den palästinensischen Studenten an der HFF und im Bundesarchiv auch sein mögen, steht es noch aus, sich vertiefend mit ihren Filmen und schriftlichen Abschlussarbeiten zu befassen, die einen Einblick in die Bandbreite ihrer Interessen sowie, was Facharbeiten angeht, in die Ideologie und den Aufbau des palästinensischen Filmwesens geben.
Quellen:
all4palestine.com: Adnan Al Ramahi (Adnan Ahmed Romhi - im Arabischen gibt es keine Vokale, wodurch sich Namen durch die Transliteration sehr verändern können), n.d., https://www.all4palestine.org/ModelDetails.aspx?gid=16&mid=120907&lang=en (Zugegriffen 1.12.2025)
Habajneh, Khadijeh (2023): Nights of Cinema. The Story of the Palestine Film Unit. Palgrave Macmillan.
Tschörtner, Petra (1994): Marmor, Stein und Eisen. Dokumentarfilm, 90 min.
Archiv
Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-BArch) - DR1 (Kulturministerium der DDR)
Bibliothek der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF