Die palästinensischen Studenten seien die aktivsten unter den ausländischen Studierenden, besonders seien sie sozial und politisch engagiert, heißt es in der „Jahresanalyse des Ausländerstudiums an der HFF 1979“ (SAPMO-BArch DR1/20638). Zwischen 1963 und 1986 haben der kargen Aktenlage und mündlichen Überlieferungen nach mindestens dreizehn palästinensische Studenten an der Hochschule für Film und Fernsehen der DDR, heute Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, ein volles oder ein Fachschulstudium absolviert. Sie kamen zumeist aus dem Libanon, wo die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO von 1971 bis 1982 ihr Hauptquartier hatte, und reisten mit befristet ausgestellten jordanischen, jemenitischen, libyschen oder algerischen Ausweisen ein, weil mit der israelischen Unabhängigkeit, der palästinensischen Nakba, 1948 die bis dahin geltende palästinensische Staatsbürgerschaft annulliert und in der Westbank und dem Gazastreifen erst 1995 wiedereingeführt wurde. Knapp 50 Jahre lang waren die meisten Palästinenser*innen staatenlos, viele sind es noch immer. Da fast alle jungen Männer in den 1970er und frühen 1980er Jahren von der PLO an die Hochschule für Film und Fernsehen der DDR delegiert wurden, heißen die Reiter in der Kartei der ausländischen Studierenden: Jordanien (PLO), Libanon (PLO), Jemen (Palästina) und so weiter. Es gab auch palästinensische Studenten, die der PLO nicht angehörten und PLO Studenten, die keine Palästinenser waren. Ebenso gab es an der HFF arabische Studierende, die mit Palästina nichts zu tun hatten und die hinter denselben Reitern ihres Landes eingeordnet sind (SAPMO-BArch DR1/27541). Verwaltungstechnisch scheinen die palästinensischen und die PLO Studenten für das für ausländische Studierende zuständige Ministerium für Kultur der DDR eine Herausforderung gewesen zu sein; auch wenn Strukturen von Exil und Staatenlosigkeit nicht auf palästinensische Studierende beschränkt waren.
Der erste palästinensische Student an der HFF, damals noch Deutsche Hochschule für Filmkunst, war der 1939 in Lydda/Lod geborene Jordanier Ahmed Romhi (Adnan Al Ramahi). Sein 22-minütiger Diplomfilm DIE PROBE aus dem Jahr 1965 portraitiert den Schauspieler Ekkehard Schall bei den Proben zu Brechts CORIOLAN. DIE PROBE wurde bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen ausgezeichnet und war der erste Film, der einen West-Preis für die HFF gewann. Auch das DDR Fernsehen strahlte ihn aus. Romhi arbeitete bis 1968 beim Deutschen Fernsehfunk und wechselte von dort zunächst zum jordanischen Fernsehen, das im April 1968 zu senden begann, und später in die Vereinigten Arabischen Emirate. Nach der Wende ließ er sich in Leipzig nieder und produzierte mit seiner eigenen Firma unter anderem für den MDR (all4palestine.com). Welche Stelle Romhi an die HFF delegierte ist bisher unklar.
Die 1964 im Exil gegründete PLO, nach Innen ein Dachverband, nach Außen eine Einheitsfront, begann Ende der 1960er Jahre mit der Filmproduktion. Bis 1972 hatten verschiedene politische Fraktionen und Institutionen innerhalb der Befreiungsbewegung Filmgruppen ins Leben gerufen, die sich unter anderem zur Aufgabe gemacht hatten das Leben der palästinensischen Bevölkerung in den Flüchtlingslagern im Libanon sowie die Kämpfer*innen im Feld zu dokumentieren. Das Palestine Cinema Institute PCI, die Filmorganisation der größten PLO-Fraktion Fatah, professionalisierte sich schnell und delegierte mehrere Mitarbeiter*innen zum Studium ins Ausland, unter anderem in die DDR. Es schickte Studenten an die Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg sowie Praktikant*innen für technische Berufe zur DEFA oder zum Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienst ADN. Der PCI Angestellte Marwan Salamah beispielsweise kam 1976 und schloss sein Kamerastudium 1982 ab. Wie andere PLO-Studenten seines Abschlussjahrgangs, konnte er aufgrund der Ausweisung, oder des Abzugs, der PLO aus dem Libanon im September 1982 nicht mehr nach Beirut zurückkehren. In der 1981 erstellten Jahreskonzeption für die Arbeit im Ausländerstudium der HFF 1982/83 heißt es in Anbetracht der israelischen Luftangriffe auf PLO-Institutionen Beirut im Sommer 1981, die HFF leite „Maßnahmen ein, die den verlängerten Aufenthalt palästinensischer Studenten an der Hochschule lernintensiv gestalten und für sie darüber hinaus durch die verstärkte solidarische Haltung der Hochschulangehörigen zu einem menschlich angenehmen Aufenthalt macht“ (SAPMO-BArch DR1/20618). Salamah ging nach Tunis, wohin die PLO ihr Hauptquartier verlegt hatte und wo er das PCI wiederaufbauen sollte. Zwei Jahre später kehrte er unverrichteter Dinge in die DDR zurück – pro forma als Regiestudent an der HFF. Er konnte zwei Filme realisieren, für die die Hochschule die Technik und Personal für die Postproduktion bereitstellte: AIDA (1985) über das Waisenheim der PLO in Tunis und …VOM OLIVENBAUM (1987), ein Portrait des in Paris lebenden palästinensischen Malers Samir Salamah. Nach der Wende arbeitete Marwan Salamah bis zur Rente als Kameramann für ARD und ZDF. (→ Alumni Erinnerungen → Marwan Salamah)
Khalil Saadeh kam ebenfalls vom PCI und absolvierte an der Hochschule für Film und Fernsehen eine Fachschulausbildung als Kameramann. Seine Abschlussarbeit „Struktur und Arbeit eines Drehstabes in der PLO. Reale Bedingungen und Überlegungen zu optimaler Arbeitsweise“ (1986) gibt einen seltenen und präzisen Einblick in die Arbeit des PCI und des Filmlabors von SAMED, der PLO-Wirtschaftsorganisation in Beirut. Saadeh ging nach Ende des Studiums ebenfalls nach Tunis, wo er im Pressebüro des PLO-Vorsitzenden Yassir Arafat beschäftigt war. Im Zuge der Osloer-Verträge, Interimsverträgen zwischen der PLO und Israel auf dem Weg zur noch nicht umgesetzten Zweistaatlichkeit, zog er 1995 mit der PLO-Administration nach Palästina (Habashneh 2023: 104).
Ein weiterer Kamerastudent war Mohammed Mawassi, der in der kleinen Filmgruppe der Volksfront zur Befreiung Palästinas PFLP tätig und durch die Qualität seiner Arbeit aufgefallen war. Er bat bei der Kulturabteilung der PLO ein Filmstudium zu absolvieren: es standen Rom und Babelsberg zur Wahl. Während Rom eine lange Wartezeit hatte, konnte er bald nach Almania aufbrechen. Auch Mawassi kehrte nach Studienende schnell in die DDR zurück. Er arbeitete zunächst am Theater in Cottbus, war Anfang der 1990er Jahre Mitbegründer von Lausitz TV und wechselte zur Jahrtausendwende als Produktionsleiter zur sich neu gründenden arabischen Abteilung der Deutschen Welle in Berlin. (→ Erinnerungen → Mohammed Mawassi)