1985
Die heutige Filmuniversität Babelsberg, die damals Hochschule für Film und Fernsehen der DDR hieß, erhielt ihren Beinamen „Konrad Wolf“ am 18. Oktober 1985. Die Verleihung geschah im Auftrag des Kulturministers der DDR und wurde mit einem Festakt begangen. Das Datum der Umbenennung war sorgsam gewählt. Sie fiel gerade noch ins 30. Jahr des Bestehens der Hochschule und fand unmittelbar vor dem 60. Geburtstag des drei Jahre zuvor verstorbenen Regisseurs und langjährigen Präsidenten der Akademie der Künste der DDR statt. Die mit der Namensgebung verbundene Ehrung wies also in beide Richtungen – gewürdigt werden sollten sowohl die Verdienste des Namensgebers als auch diejenigen der Empfängerin des Namens.
Mit Konrad Wolf wurde einer der bedeutendsten Künstler und wichtigsten Kulturfunktionäre der DDR zum Namengeber der Hochschule, nicht etwa einer ihrer Absolventen und oder ehemaligen Dozenten. Filmregie hatte Wolf in Moskau am VGIK studiert, gelehrt hat er dieses Fach an der Babelsberger Filmhochschule nie, wobei es ihm an Zeit und Gelegenheit, keineswegs an Anfragen von Seiten der Hochschule gefehlt hat. Allerdings fanden nicht immer alle Lehrkonzepte, die an der Hochschule befolgt wurden, seinen Beifall. Immerhin war er über die Jahre verschiedentlich zu Gast, um eigene Filme vorzustellen und sie mit Studierenden zu diskutieren. Zudem gehörte Konrad Wolf zu den ersten Regisseuren der DEFA, die Absolventen und Absolventinnen als „Meisterschüler“ annahmen und ihren Übergang in den Studiobetrieb begleiteten. Ein engeres Verhältnis – nicht unbedingt zu den Lehrenden, eher zu den Studierenden – zeichnete sich erst kurz vor seinem Tod ab, als er im Januar 1982 in der letzten von ihm initiierten und persönlich geleiteten Veranstaltung an der Akademie der Künste unter dem Titel „Der erste Film“ studentische Abschlussarbeiten der Hochschule vorführen und diskutieren ließ. Anlässlich der bevorstehenden Umbenennung der Hochschule erwiderten drei Jahre später Studierende diese Geste mit dem 30-minütgen Film DAS DEBÜT - VERSUCH EINES DIALOGS, der in Form eines Geistergesprächs die abgebrochene Unterhaltung mit Konrad Wolf fortführt und Fragen nach dem Wert und der Bedeutung erster Filme nachgeht.
An der Hochschule wurde der ihr verliehene Ehrenname als Auszeichnung, vor allem aber als eine Verpflichtung aufgefasst, an die sie in zahlreichen Glückwunschschreiben auch mit Nachdruck hingewiesen wurde. So stellte der Verband der Film- und Fernsehschaffenden in seinem Gratulationsschreiben fest, „welch hohe Auszeichnung diese Namensverleihung darstellt und welch große Verpflichtung sie für Studierende, Lehrer, Dozenten und Professoren beinhaltet“: „Im Geiste Konrad Wolfs zu arbeiten, heißt für jeden Künstler, mit seiner Kunst dem Fortschritt der Menschheit zu dienen, tatkräftig für die Bereicherung und Weiterentwicklung unserer sozialistischen Nationalkultur zu wirken, die im Zeichen des Friedens, der Völkerverständigung und der Menschlichkeit steht.“ Weniger pathetisch (jedoch kaum weniger staatstragend) formulierte es der Vertreter der Akademie der Künste, der mit der Namensgebung schlicht die Hoffnung verband, dass „die Ausbildung des künstlerischen Nachwuchses an der Hochschule für Film und Fernsehen der DDR verknüpft wird mit der Aneignung und Aufarbeitung des von Konrad Wolf hinterlassenen kulturpolitischen und künstlerischen Erbes in seinen Schriften und Filmen zum Nutzen der Deutschen Demokratischen Republik“. Mit dieser Aufarbeitung hatte die Hochschule freilich im Vorfeld längst begonnen. Eine Publikation mit Erinnerungen und Texten von Konrad Wolf lag in der hochschuleigenen Schriftenreihe pünktlich zum Stichtag vor (BFF, 26, 1985), ein den Montageprinzipien in DER GETEILTE HIMMEL (1964) gewidmeter Lehrfilm war im Entstehen begriffen, ein Kolloquium zum Gesamtwerk angekündigt. Als knapp fünf Jahre später in der Schriftenreihe der Hochschule der nächste Band zu Konrad Wolf erschien, der unter Mitwirkung von Autor*innen aus beiden Teilen Deutschlands einlöste, was sich das seinerzeit geplante Kolloquium vorgenommen hatte (BFF, 39, 1990), hörte die DDR gerade auf zu existieren. Der Beitrag, den er laut Untertitel zu ihrer Kulturgeschichte leisten wollte, lies sich nunmehr historisch lesen.