Mir war, offen gestanden, sogleich etwas bange, als mich Kollege Michael Wedel freundlicherweise fragte, ob ich ein paar einführende Worte zum Film „Das Debüt – Versuch eines Dialogs“ sagen würde. Natürlich erbat ich mir erst mal einen Link mit dem Film, den ich seit meiner Studienzeit, also seit sage und schreibe vierzig Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Im Foyer der Film-Uni läuft der Film als Dauerschleife (ohne Ton), aber mein Voyeurismus in eigener Sache ist nicht so erheblich, dass ich jemals länger als eine Minute stehen geblieben wäre und zugeschaut hätte.
Beim Wiedersehen überwog – nun doch, zum Glück – Erleichterung.
Und das Gefühl, das mich am stärksten ergriff, war Melancholie. Alle Protagonisten, die zu sehen sein werden, sind tot. Und die Tatsache, dass ich nach vierzig Jahren meiner eigenen Stimme zuhörte, verringerte nicht gerade die Melancholie.
(Sie werden nach Aufführung des Films beurteilen können, ob und inwiefern sich damalige und heutige Stimme ähneln; ich selbst vermag das nur schwerlich zu sagen)
Natürlich, der Film ist brav. Wir sollten, so hieß es damals geradezu auftragsgemäß, eine studentische Sicht vermitteln. Und studentisch war, ohne dass es jemand so direkt sagte, ein Synonym für brav. Genauer gesagt: keine Grenzen überschreiten, dafür feuilletonistisch, flott, mit jugendlicher Frische sozusagen.
Studentische Sicht, studentische Haltung – das war übrigens eine Dauerfloskel. Als wären Studenten eine homogene Größe. So wollte man sie offenbar haben.
Mit dieser Anforderung einer studentischen Haltung mussten wir – vor allem der Regiestudent Dietmar Haiduk und ich – uns auseinandersetzen. Einen zustimmenden Weg finden, der auch unserer Intention entsprach. Bei aller Auseinandersetzung, die natürlich stattfand, hatten wir zum Glück eine sehr große Sympathie für Konrad Wolf, nicht zuletzt für den Debütanten Konrad Wolf, der den Krieg tief in der Seele hatte und nun ein Paradebeispiel für den sozialistisch-lustigen Heimatfilm auf die Beine stellen sollte. Das Positive, im feuilletonistischen Gewand, sollte uns im Hinblick auf Konrad Wolf, zumindest grundsätzlich, nicht so schwerfallen.
Interessanterweise spielten unsere Protagonisten bei der Verabredung, der geforderten Haltung mit. Mit Ehrlichkeit, so mein Eindruck, und Hilfsbereitschaft. Aber auch einer Portion Kontrolliertheit, die man ihnen im Film ansieht.
Sie waren in dem Sinne Mentoren für uns. Und vor allem auch mit großer, mit ausgesprochener Sympathie für Konrad Wolf. Sonst wäre es nicht gegangen.
Bei all diesem Positiven hatten wir trotzdem einen Aufpasser dabei. Das hört sich jetzt heftig an, ist aber gar nicht so gemeint. Zumal der Aufpasser auch Anreger war. Ich erinnere einen längeren Kneipenabend mit ihm, dem Dramaturgen Hans-Joachim Wallstein, einer aus der Riege der festangestellten Dramaturgen an der Filmhochschule. An diesem Abend kam ich mit ihm auf die Idee, Zitate aus Konrad Wolfs „Einmal ist keinmal“ für unseren Film „Das Debüt“ zu verwenden. Zitate, die mit Interviewaussagen montiert werden sollten. Das war quasi Bucharbeit, das war gesetzt, und als dann das Interviewmaterial vorlag, machten wir uns an die konkrete Montage, zunächst auf dem Papier, dann am Scheidetisch. Am Ende war es das Salz in der Suppe unseres kleinen Essayfilms.
Der Dramaturg Hans-Joachim Wallstein, unser Begleiter bei den Dreharbeiten, lebt auch nicht mehr. Er starb 2018 im Alter von 89 Jahren.
Die Dreharbeiten am WGIK, der sowjetischen Filmhochschule in Moskau, an der Konrad Wolf studiert hatte. Ich will nicht vorwegnehmen, was im Film zu sehen sein wird.
Nur eine kleine Anekdote am Rande: Irgendwer kam auf uns zu, sagte ganz feierlich: Sergej Gerassimow ist im Hause. Ob wir ein Interview machen wollen. Eine große Ehre, da durfte man nicht nein sagen. Gerassimow war schon in der Stummfilm-Ära dabei gewesen und berühmt geworden, hatte in den 1950ern den Stillen Don von Scholochow in drei Teilen verfilmt und gerade einen Zweiteiler über Lew Tolstoi fertiggestellt, in dem er selbst sogar die Hauptrolle gespielt hatte. Ich erinnere mich, wie er mir gegenübersaß, ich stellte vorbereitete Fragen, die übersetzt wurden, und er redete daraufhin und redete und redete. Ich verstand im Wesentlichen kein Wort, denn im Russischunterricht in der Schule Lerneifer zu zeigen, galt als spießig und sozialistisch-streberhaft. (Anders gesagt: In der DDR war es eine kleine Art von Protestverhalten, Russisch mit nur wenig Elan zu lernen) Jedenfalls: Ich stellte dann, wenn sich Rede-Lücken boten, die weiteren Fragen, und Sergej Gerassimow, großer Regie-Guru der Sowjetunion, monologisierte.
Nicht lange nach diesem Interview, nur Wochen danach, 1985, starb Sergej Gerassimow. Vielleicht war es sogar sein letztes Interview.
Unser Film wurde allgemein recht wohlwollend aufgenommen. Kein Meisterwerk, klar. Aber ich denke, man sah den Film im Verhältnis. Im Verhältnis zum Möglichen. Zum Erwünschten. Studentische Sicht, alles klar. Doch allemal besser als Erfüllung eines Parteiauftrages oder sowas in der Art.
Natürlich wurde der Film auch Markus Wolf, dem Bruder von Konrad Wolf und stellv. Chef der Staatssicherheit, zugespielt. Wir – begleitet von Günter Reisch – trafen uns, nicht mit ihm, dem stellv. Chef höchstpersönlich, sondern einem recht jungen Mitarbeiter von Markus Wolf. In der Akademie der Künste, wo Konrad Wolf vormals Präsident gewesen war.
Die Mitteilung vom stellv. Chef höchstpersönlich war: Der Film ist abgenommen. Dietmar Haiduk und mir, aber viel mehr noch den Funktionären der Filmhochschule fiel ein Stein vom Herzen.
(Natürlich wäre es fürs spätere Image nicht schlecht gewesen, wenn die Stasi etwas einzuwenden gehabt hätte. Aber war nicht der Fall)
Der Film wurde nach Oberhausen eingeladen, zu den Internationalen Kurzfilmtagen. Ohne uns: Dietmar, den Regisseur, und mich. Man hatte uns versprochen, dass man sich dafür einsetzen wolle, dass wir fahren dürften. Stattdessen fuhren ein paar Funktionäre von der Hochschule mit.
(An der Stelle sei unbedingt bemerkt: Studentinnen du Studenten konnten erst ab 1986, unter Hochschulrektor Lothar Bisky, mit ihren Filmen zu Festivals in den Westen fahren)
Immerhin konnten wir in Leipzig dabei sein. Internationale Dokumentarfilm-Woche, Abteilung Hochschulprogramm.
Nach der Vorführung kam ein ziemlich legerer Mittfünfziger auf mich zu, lobte den Film. Ich wusste nicht, um wem es sich handelte. Bis irgendwer kam und fragte: Weißt Du eigentlich, wer Dich eben gelobt hat? Das war Jürgen Böttcher.
Kleiner Sprung: Fünf Jahre später, 1990, - ich war mittlerweile für eine Zeitung der DDR-Bürgerbewegung tätig –, fuhr ich mit Jürgen Böttcher in meinem Trabant nach Prag, wo ein Treffen der tschechoslowakischen und DDR-Bürgerbewegung stattfand und er dort seinen Film „Die Mauer“ zeigte. Da waren wir schon nicht mehr in dem alten Gesellschaftssystem und noch nicht im neuen. Es war Winter, Glatteis, und irgendwo – wir waren noch auf DDR-Gebiet – drehten wir uns mit dem Trabant um dessen eigene Achse. Jürgen Böttcher kritisierte nicht meine sehr überschaubaren Fahrkünste, aber er sagte, dass er doch lieber zu Hause geblieben wäre. Dann erzählte ich ihm aber von der Begegnung, die wir schon mal gehabt hatten – und dann erzählte er aus seinem Leben, die ganze Fahrt über. Das ist nun auch schon 35 Jahre her.
Jürgen Böttcher lebt. Er ist inzwischen 94 Jahre alt.
Und wir leben auch. Ich freue mich, dass wir zusammen „Das Debüt – Versuch eines Dialoges“ sehen