- Zu den Anfängen - Historisches -
In der Verordnung über die Bildung der Deutschen Hochschule für Filmkunst vom 14. Oktober 1954 (GBl. S. 847) steht u.a.:
„Die wachsenden Anforderungen an das neue deutsche Filmschaffen erfordern künstlerisch und gesellschaftswissenschaftlich hochqualifizierten Nachwuchs für unsere Filmproduktion“ (Hervorhebung von mir, d.A.)[1].
Der erste Studienort war das Schloss Babelsberg, in dem zur Potsdamer Konferenz die sowjetische Delegation wohnte und das danach als Ausbildungsstätte für Richter genutzt wurde, bevor dann die Deutsche Hochschule für Filmkunst dort ihre Ausbildung beginnen konnte.
Bemerkenswert ist, dass bereits 5 Jahre nach Gründung der Deutschen Hochschule für Filmkunst dort ein Institut für Filmwissenschaft geschaffen wurde, das auch sofort publizistisch in Erscheinung trat! Günter Althaus, 1956 ernannter Professor für Produktion schrieb im „Sonderheft anlässlich des 10jährigen Bestehens der Deutschen Hochschule für Filmkunst“ im Oktober 1964 u.a.:
„Die Gründung der Deutschen Hochschule für Filmkunst führte zu einer Intensivierung der filmwissenschaftlichen Arbeit in der DDR. Denn wollte man den Nachwuchs für die Spitzenberufe des Films auf einer wissenschaftlichen Basis ausbilden, mußten die ästhetischen Besonderheiten sowie die Geschichte des Films auch systematisch erforscht und gelehrt werden, es gab aber keine ausgebildeten Filmhistoriker und -theoretiker“[2]. Man bezog sich also auf die sowjetischen Kollegen Eisenstein, Pudowkin, Wertov und Kuleschow, aber vorerst nicht auf Béla Balázs oder Siegfried Kracauer. Mit der Etablierung der „Zentralstelle für Filmforschung“ und einer zentralen Filmbibliothek in Berlin wurden ein Jahr vor dem Mauerbau - aus meiner Sicht? - noch einmal Angebote an die westdeutsche Filmwissenschaft für eine Zusammenarbeit gemacht!
Die Zeitschrift „film WISSENSCHAFTLICHE MITTEILUNGEN“ erschien nun seit 1964 im schwarzen Cover und herausgegeben „vom Institut für Filmwissenschaft Berlin an der Deutschen Hochschule für Filmkunst“!
Seit 1953 erschien bereits die Zeitschrift „Deutsche Filmkunst - Zeitschrift für Theorie und Praxis des Filmschaffens“ in der DDR, in der es in den ersten Jahren der Hochschulgründung u.a. Beiträge gab über Themen wie:
- „Filmerziehung“, u.a. in Heft 11/1957, S. 334ff; Heft 7/1958, S. 2202ff.; Heft 5/1958, S. 142f.; Heft 1/1958, S. 28f.; Heft 6/1959, S. 172 ff.;
- aber es gab auch seit 1959 die „Filmwissenschaftlichen Beiträge“, herausgegeben von der Deutschen Hochschule für Filmkunst, die als eine Art Beilage dienten.
Bemerkenswert sind einige Themen in den ersten drei „offiziellen“ Bänden der „schwarzen Reihe“, die offenbar die filmwissenschaftliche Forschung an der Hochschule in erhebliche politische Schwierigkeiten brachte: Die Zentrale Filmbibliothek verkündete u.a. Neuerwerbungen von Georges Sadoul, Louis Daquin, Ludwig Geek, Peter Weiss, Emelie Altenloh, Enno Patalas und Paul Rorha[3] sowie zwei Publikationen später von u.a. André Bazin, Siegfried Kracauer, Don Livingston, Walter Dadek und auch eine Publikation von F. J. Berthold und Horst von Hartlieb zum Thema „Filmrecht![4]. Mit dem Mauerbau konnten die Studierenden zwar nicht mehr in die Westberliner Kinos fahren, ihr Erleben der für sie ja durchaus auch wichtigen westeuropäischen Filmdiskussion schien aber zunächst - in Theorie und Filmkritik! - gesichert.
Aber auch von den autor*innenbezogenen Beiträgen in diesen drei Bänden erweist sich manches aus heutiger Sicht überraschend: Zum Beispiel machte da Jürgen Böttcher „Bemerkungen zu seinem Film ‚Stars‘“, Günther Dahlke schrieb über die „erste öffentliche Verteidigung einer Dissertation an der Deutschen Hochschule für Filmkunst“, Lothar Warnecke veröffentlichte im Jubiläumsheft zum 10. Geburtstag der DHF einen kurzen Teil seiner Diplomarbeit zum „dokumentaren Spielfilm“, Hans Lohmann schrieb ein bemerkenswertes Essay über „unser Leben als Filmdichtung“, Günter Mehnert und Rolf Losansky äußerten „einige Gedanken zur Verfilmung eines modernen Märchens“ (gemeint war „Die Suche nach dem wunderbunten Vögelchen“) und Heinz Baumert konnte über die „VI. Internationale Filmwissenschaftliche Woche in Wien“ berichten…
Eine wichtige Rolle in den vier Bänden aus dem Jahre 1964 spielte eine interessante Auseinandersetzung um die Verfilmung des Romans von Christa Wolf „Der geteilte Himmel“ in der Regie von Konrad Wolf: Günther Dahlke schrieb eine „Polemik für Christa Wolfs ‚Geteilten Himmel‘“[5]; Hans Lohmann eine Publikation später über „Unser Leben als Filmdichtung ‚Der geteilte Himmel‘ und Schlösser und Katen’“[6]; Kurt Barthel über „‚Der geteilte Himmel‘ - zur filmischen Umsetzung“, Fritz Cremer „Brief an Konrad Wolf“[7] und Günter Karl über die „Dialektische Dramaturgie Ein Versuch zu Gestaltungsproblemen des Film ‚Der geteilte Himmel‘“[8].
Es ist schon erstaunlich, dass eine kleine Kunsthochschule mit einem ebenso kleinen filmwissenschaftlichen Institut im 10. Gründungsjahr der Deutschen Hochschule für Filmkunst vier filmwissenschaftliche Publikation mit ca. 1250 Seiten herausbringen konnte und dass die meisten der etwa 75 Beiträge - zumindest aus meiner Sicht - auch heute noch interessant und den filmwissenschaftlichen Diskurs - nicht nur historisch bezogen - bereichernd lesbar sind!
Heinz Baumert, einer der „Gründerväter“ der ältesten deutschen Filmhochschule hat zum 25. Geburtstag dieser Einrichtung u.a. eine Erklärung versucht, dass aus der finanziellen und insbesondere personellen Not geboren, „eine Vielzahl von Unterrichtsfächern gemeinsam für mehrere Fachrichtungen gelehrt wurden. So nahmen z.B. die Regiestudenten an den naturwissenschaftlichen Vorlesungen und Übungen der Kamera (…) teil; sie eigneten sich die ‚Historischen Grundlagen der Dramaturgie‘“ in Vorlesungen der Fachrichtung Dramaturgie an, die m.E. die in den ersten 10 Jahren herrschende Aufbruchsstimmung an der DHF nur ungenügend beschreibt.
[1] zitiert nach: Horst Schättle/ Dieter Wiedemann (Hrsg): BEWEGTE BILDER - BEWEGTE ZEIT. Berlin 2004, S. 26
[2] Althaus, Günter: 10 Jahre Deutsche Hochschule für Filmkunst. In: film WISSENSCHAFTLICHE MITTEILUNGEN, 2/ 1964, S. 9ff.
[3] film WISSENSCHAFTLICHE MITTEILUNGEN 1/64, S. 242ff.
[4] ebenda, 3/64, S. 926ff.
[5] ebenda: 1/64, S. 24ff.
[6] ebenda: Sonderheft (2/64), S. 100ff.
[7] ebenda: 3/64, S. 565ff.
[8] ebenda: 4/64, S. 935ff.